„Kejchl her oder Stroh vor d’Tür!“, so der Ruf vor jeder Haustür. Aber wo früher die Bäuerinnen ihr Schmalzgebackenes hervorholten, wurde den fordernden Männern heutzutage Schnaps oder Bares gereicht. Kamen die Hausherren der Forderung nicht nach, musste man sich des eigenen Besens bedienen, denn die schwarze Meute kippte eine Ladung Stroh samt „Gize“ vor die Tür. Wo aber das Gegenteil der Fall war, wurde ihnen zum Dank der Eingangsbereich vor der Haustür (zumindest symbolisch) sauber gekehrt. „I sog dank schee. Manna, weider geht’s!“, tönte der Anführer, und die Kolonne setzte sich wieder in Bewegung zum nächsten Anwesen. Im Laufe des Tages hatten sie dann sämtliche Passanten mit Ruß geschwärzt. Nur selten konnte ein Mädchen den „schwarz machenden Liebkosungen“ der Kirta-Burschen entkommen. Vor allem der „Gize“ hatte ein schweres Amt zu bestehen. Oftmals ausgekippt dürften die blauen Flecken nicht wenig gewesen sein. Der Kontakt mit Pfützen und Misthaufen tat geschmacklich das seine und auch seine Trinkfestigkeit wurde einer harten Belastungsprobe unterzogen.
Kirchweih – einst ein Fest der Lebensfreude, der Ausgelassenheit und des Überflusses. Dieser alte Bettel-Brauch ist aus der Not heraus entstanden, wissen noch einige ältere Dorfbewohner zu berichten. Die einfachen Leute, die Knechte und die Musikanten, die nur ein spärliches Einkommen hatten, wollten sich für die kommenden Tage noch etwas sichern von den übrig gebliebenen Schmankerln der Kirchweih. Der „Gize“ war der Überlieferung nach der Ärmste im Dorf, wobei ihm die anderen nicht viel nachstanden. Ein schützender Strumpf über dem Kopf vermummte ihn und die rußgeschwärzten Gesichter der Übrigen verbargen deren Identität. Schließlich hatte man ja auch noch seinen Stolz und seine Ehre, auch wenn einen die Armut plagte.
Ein vierköpfiges Kamerateam des Bayerischen Rundfunks interessierte sich sehr für diesen althergebrachten Brauch und begleitete die ausgelassene Horde den ganzen Nachmittag über. Redakteurin Beatrix Ziegler (die auch schon Esel Hansi von Besitzer Stephan Hutter gefilmt hatte) und Kameramann Arnd Frenger interviewten mehrere Mitwirkende und umstehende Zuschauer und hielten natürlich alles filmisch fest. Schauplatz des abschließenden Geschehens war dann der Ottenzeller Dorfplatz. Alt und Jung wollten dabei sein, wenn der „Gize“ am Abend bei Dunkelheit im lodernden Flammenmeer sein Ende findet. Hier konnte er seinen Mut beweisen und zeigen, wie lange er es in seinem „heißen Bett“ aushält. Doch nach wenigen Sekunden entrollte er sich dem lichterloh brennenden Flammenhaufen. Das Verbrennen des Strohs soll böse Geister abwehren und für nächstes Jahr wieder eine gute Ernte bescheren. Im Wirtshaus sammelte sich die noch übrig gebliebene Meute um bei einem guten Schluck ihr Tun zu begießen.
Der Filmbeitrag wurde am 2. November um 17.30 Uhr im Dritten Programm in der Sendung „Aus Schwaben und Altbayern“ ausgestrahlt. Für einige Zeit ist nun Ruhe eingekehrt, bis es 2016 oder 2022 vielleicht wieder heißt: „Auf geht’s zum Schubkarrnschuim in Ottenzell“.
Bildunterschrift Schubkarrnschuim:
Eines musste der „Gize“ auf jeden Fall sein: trinkfest.
(Bild und Bericht: Regina Pfeffer)